Zum Geleit

Öffentliche Kinder- und Jugendhilfe, wie wir sie heute verstehen, hat sich – wie die öffentliche Verwaltung insgesamt – in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess herausgebildet. Im Folgenden soll diese Entwicklung anhand der jeweils gesetzlichen Grundlagen nachgezeichnet werden.

Soweit zugänglich, werden auch die Lebensbedingungen der Kinder und Jugendlichen aus den ärmsten sozialen Schichten beschrieben bzw. die Rahmenbedingungen für die jeweiligen Vorgehensweisen der «HelferInnen» dargestellt.

Basis für deren Handeln ist das jeweilige Verständnis von öffentlicher Fürsorge für «Arme». Basis für Eingriffe in Familiensysteme ist aber auch das Verständnis von Erziehung und Erziehungszielen der jeweiligen Generation.

Die vier Säulen der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe

Existenzsicherung
(Vaterschaft, Unterhalt)
Kontrolle und Sicherstellung, dass Kinder zu die jeweiligen gesellschaftlichen Normen erfüllenden Erwachsenen erzogen werden Unterstützung und Befähigung der Eltern, ihre Kinder «richtig» zu pflegen und zu erziehen, verbunden mit staatlichen Ersatzleistungen, wenn sie dazu nicht in der Lage sind Kinderschutz
Existenzsicherung (Vaterschaft, Unterhalt) Kontrolle und Sicherstellung, dass Kinder zu die jeweiligen gesellschaftlichen Normen erfüllenden Erwachsenen erzogen werden
Unterstützung und Befähigung der Eltern, ihre Kinder «richtig» zu pflegen und zu erziehen, verbunden mit staatlichen Ersatzleistungen, wenn sie dazu nicht in der Lage sind Kinderschutz

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe erst vor dem Hintergrund der Armenversorgung verständlich wird. Aus diesem Grund beginnt die Darstellung mit Bettelverboten aus der frühen Neuzeit und deren Bezügen zu den Kindern armer Bevölkerungsschichten. Spätestens ab den Reformen von Joseph II. lassen sich die «Säulen der Kinder und Jugendhilfe» als Entwicklungsstränge gut nachvollziehen.

Am Beginn stehen die Aspekte Kontrolle und Sicherstellung, dass Kinder zu angepassten und arbeitsbereiten Erwachsenen erzogen werden. Etwa wenn Maria Theresia verfügt, dass bettelnde Kinder durch Arbeit in Spinnhäusern rechtzeitig vom «Müßiggang» abgehalten werden sollen, oder wenn im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1787 den Vätern aufgetragen wird, die Kinder «zu einem für den Staat nützlichen Stande» zu erziehen.

Auch die Aspekte Existenzsicherung und Schutz lassen sich weit zurückverfolgen, waren in ihren Anfängen aber Kindern aus begüterten Schichten vorbehalten. Die Notwendigkeit von Beratung und Anleitung in der Pflege und Erziehung der Kinder wird allerdings erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesehen.

Ein besonderes Augenmerk wird der Rolle der Jugendämter während der NS-Zeit gewidmet. Zum einen waren Fürsorgerinnen dieser Zeit an der Durchsetzung der NS-Ideologie beteiligt. Zum anderen aber hatte deren Einstellung in der Nachkriegszeit noch lange Einfluss auf die Vorgehensweise der Jugendwohlfahrt.

Kinder im Kinderdorf Altmünster, 1950er Jahre Kinder im Kinderdorf Altmünster, 1950er Jahre

Die Zeit seit dem 2. Weltkrieg wird durch drei sehr unterschiedliche Jugendwohlfahrts- bzw. Kinder- und Jugendhilfe-Gesetze geprägt. Das Gesetz 1954 schreibt die pädagogischen Vorstellungen der Zwanziger- und Dreißigerjahre des vergangen Jahrhunderts fort. Im Zentrum der Agenda von Jugendwohlfahrt steht mit dem Kampfbegriff «Verwahrlosung» die Korrektur von kindlichem/jugendlichem Fehlverhalten. Die Methodik der Fürsorgerinnen erschöpft sich weitgehend in sozialer Kontrolle.

Der gesellschaftliche Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führt zu einem radikalen Umdenken im pädagogischen Handeln, verbunden mit einer völlig neuen Ausbildung der nun SozialarbeiterInnen genannten MitarbeiterInnen. Die soziale Kontrolle durch die MitarbeiterInnen der Jugendwohlfahrt wird durch ein breites Spektrum an unterstützenden Leistungen für die Familien ergänzt bzw. weitgehend ersetzt. Das Jugendwohlfahrtsgesetz von 1989 schafft die dafür notwendigen gesetzlichen Grundlagen.

Gleichzeitig fordert die Öffentlichkeit von staatlichen Institutionen und damit auch von der Kinderund Jugendhilfe zunehmend Rechenschaft über ihr Handeln. Transparenz und Partizipation in Verbindung mit Effektivität und Effizienz sind die Kriterien, an denen die Aufgabenerfüllung gemessen wird. Moderne Konzepte der Familienunterstützung und des Kinderschutzes versuchen all dem Rechnung zu tragen, wie im abschließenden Ausblick auf die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe gezeigt wird.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen bedanken, die die Entstehung dieses Projekts unterstützt haben. Ein besonderer Dank gilt dabei den MitarbeiterInnen des Oö. Landesarchivs, allen voran Dr. Josef Goldberger.