Armut und Arbeit

Vor 1919

Armut und Arbeit


Epoche im Überblick

Die Habsburger herrschten über Jahrhunderte über ein Reich, das viele Länder umfasste und sich immer wieder territorial wandelte. Was stets gleich blieb, war ein aus Wien regierender Kaiser eines sehr konservativen und zutiefst katholischen Geschlechts, der die Bevölkerung vor allem als Untertanen betrachtete. Mit der Niederlage im 1. Weltkrieg (1914-1918) verlor Habsburg die Krone und das Reich seine Kronländer – der Rest war Österreich.

Zeitleiste: Ereignisse und Zeitgeschehen

1907:
Erster Kinderschutzkongress in Wien
1913:
Zweiter Kinderschutzkongress in Salzburg
1916:
Gründung der Oö. Landeskommission für Kinderschutz und Jugendfürsorge
1917:
Gründung des Linzer Jugendamtes
1914:
Attentat von Sarajewo
Beginn des 1. Weltkriegs
1916:
Tod von Kaiser Franz Josef I.
1918:
Thronverzicht Kaiser Karl I.

Ein Blick in die Zeit der Monarchie zeigt, dass die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe ihren Ursprung in der Armutsbekämpfung hat. Als Betteln durch die Zunahme an armen Menschen in den Städten und die Änderung der moralischen Vorstellungen nicht länger akzeptiert wurde, wurde unter Fürsorge immer mehr die Verpflichtung zur «Besserung» und zur Arbeit verstanden. Das galt ganz besonders für «verwahrloste» Kinder.

Arme Kinder dem Verderben zu entreißen und zu frommen und arbeitsamen Mitgliedern der Gesellschaft heranzubilden


Historie

Kaiser Joseph II. (1741-1790)

führte zahlreiche Reformen durch, auch im Sozialbereich. Unter anderem verbot er das Betteln und ermöglichte anonyme Geburten und legale Kindesweglegung in eigens dafür geschaffenen Gebär- und Findelhäusern.

Im 19. Jahrhundert

wurde die Fürsorge für Bedürftige zunehmend den Gemeinden übertragen. Ausschlaggebend, wer von den Gemeinden versorgt wurde, war das Heimatrecht.

Die Gemeinden waren nur soweit zu Leistungen verpflichtet, als sich der Arme den nothwendigen Unterhalt nicht mit eigenen Kräften zu verschaffen vermochte. Arbeitsfähige Bewerber um Armenversorgung waren zur Leistung geeigneter Arbeit nöthigenfalls zwangsweise zu verhalten.
Gesetz vom 3. Dezember 1863 betreffend die Regelung der Heimatverhältnisse

Seit 1873 wurde «Arbeitsscheu» mit Gefängnisstrafe geahndet. Für Jugendliche waren gesonderte Besserungsanstalten vorgesehen, in denen einen moralische und religiöse Erziehung als auch eine Unterweisung in einer ihrem künftigen Fortkommen dienlichen Beschäftigung erfolgte. Dorthin wurden auch schon 10-Jährige aufgrund von «Verwahrlosung» eingewiesen.

1865 übernahmen die Schwestern vom Guten Hirten das Zisterzienserstift Baumgartenberg und richteten eine «Schutz und Erziehungsanstalt» für Mädchen ein. Aufgenommen wurden sittlich gefährdete, auf Abwege geratene Mädchen zwischen 6 und 21 Jahren.

In einem Subventionsansuchen von 1894 schildert das Kloster die Bedingungen in der Anstalt:

Unser Convent zählt 45 Ordensschwestern, welchen die äußerst schwierige und opferreiche Aufgabe gestellt ist, Kindern und reiferen Personen, welche größtentheils ganz vernachlässigt und verwahrlost sind, und die uns auch öfter von der hohen Statthalterei überwiesen werden, mit Aufgebot aller Kräfte und thätiger Wirksamkeit zu religiös-sittlichen Menschen und zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft heranzubilden. Derzeit befinden sich 130 Kinder in unserem Kloster.

Der Sustentationsbeitrag für ein Kind beträgt für die ganze Verpflegung, Bekleidung und Bequartierung 6 fl. Trotz dieser äußerst bescheidenen Forderung entrichten manche Gemeinden für die Zuständigkeit ihrer Kinder 3 bis 4 fl.

Schulpflicht für alle Kinder. Mit Ausnahmen.

Die Schulpflicht war bereits 1774 unter Kaiserin Maria Theresia eingeführt worden. Die Eltern waren per Strafandrohung angehalten, ihre 6- bis 12-jährigen Kinder zur Schule zu schicken. Allerdings war die Organisation der Schulen dabei so geregelt, dass die Arbeitskraft der Kinder insbesondere in der Landwirtschaft verlässlich zur Verfügung stand. Die Schulpflicht in Form eines ganztägigen Unterrichts endete ab 1869 mit dem vollendeten 14. Lebensjahr. Ab 1883 galten zahlreiche Ausnahmen, die einzig und allein durchgesetzt wurden, um schon jüngere Kinder zur Erwerbsarbeit zur Verfügung zu haben.

Die Schulbehörden werden aufgefordert, allen jenen Gemeinden, welche auf Grund von gegebenen Verhältnissen um Schulbesuchserleichterungen, insbesondere um Halbtagsunterricht ansuchen, in der möglich weitestgehenden Weise entgegenzukommen.
Petition des Oö. Landtages vom 1. Dezember 1908 an die Regierung in Wien

Erziehung zur Arbeit. Besonders für Waisen.

Die Mehrzahl der Waisenhäuser wurde von katholischen Orden geführt, in denen die christliche Erziehung einen besonders hohen Stellenwert erhielt. Das katholische Mädchen-Waisenhaus in Steyr sollte die Waisenmädchen zu frommen Christinnen mit der besonderen Bestimmung – zu brauchbaren Dienstmädchen heranbilden. Um das zu erreichen sollte die Religion alle Bildungselemente durchdringen. Die Kinder sollten frühzeitig daran gewöhnt werden, dass ihr künftiger Beruf zu dienen sein würde. Darum sollen sie, soweit es nicht unumgänglich nothwendig ist, nicht bedient werden, sondern frühzeitig lernen, mit Freuden sich gegenseitig zu bedienen, und alle ihnen möglichen Hausarbeiten selber zu verrichten.

Kinderarbeit ist selbstverständlich

Lange Zeit wurde die (Mit-)Arbeit von Kindern auf den Gutshöfen, in landwirtschaftlichen und handwerklichen Betrieben, im Bergbau und später auch in Manufakturen und Fabriken als selbstverständlich betrachtet.

Nach dem Besuch einer Seidenfabrik in Traiskirchen hielt Kaiser Joseph II. fest:

Da ich im vorigen Jahre in der sogenannten Grünmühle zu Traiskirchen und die dortigen Fabriken in Augenschein genommen habe, so entdeckte ich daselbst unendliche Gebrechen in der Reinlichkeit der Kinder, welche voll Krätze waren, und welche auch auf ihren Gesundheitszustand die nachteiligsten Folgen nach sich gezogen hat, dergestalt, dass ein epidemisches Faulfieber eingerissen hat, und mehrerer Mensch Tod erfolgt ist.

Verbot der Kinderarbeit. Mit Ausnahmen.

1859 und 1885 wurde die Kinderarbeit eingeschränkt. Dies betraf allerdings ausschließlich die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen in Gewerbsunternehmungen. Für Dienstleistungen, in der industriellen Heimarbeit und in der Landwirtschaft standen Kinder als Arbeitskräfte weiterhin zur Verfügung.

In seinem Bericht an den Kinderschutzkongress 1907 beklagt Dr. Hans Zötl:

Schwer leidet die Jugend dadurch, dass sie so früh zur harten Arbeit herangezogen wird. Man sieht bereits Kinder mit 6 Jahren, welche stundenlang vor dem am Pfluge gespannten Ochsen einher gehen müssen und Kinder mit 10 bis 12 Jahren, deren Rücken von der Last der Arbeit gekrümmt ist.

Dr. Zötl weiter: Der Mangel an Dienstboten bewirke, dass schon 12- und 13-jährige Kinder als Knechte, Mägde oder Diener angestellt würden. Den Kindern fehle es an der nötigen Erziehung und sie seien oft sexueller Ausbeutung durch ältere Mägde und Knechte ausgeliefert.

Erst im Dezember 1918 wurde von der provisorischen Nationalversammlung der Republik ein Kinderarbeitsgesetz erlassen, das die Heranziehung von Kindern zu jeglicher Arbeit bis zum vollendeten 12. Lebensjahr verbot.

Ausgenommen waren Mithilfe im elterlichen Haushalt oder in der Landwirtschaft.