Aufhebung und Fortsetzung

1945 bis 1954

Aufhebung und Fortsetzung


Epoche im Überblick

1943 hatten die Alliierten festgehalten, dass die Befreiung Österreichs eines ihrer Kriegsziele sei. Am 25. November 1945 fanden die ersten Nationalratswahlen der wiederhergestellten, Republik statt. Österreich war in vier Besatzungszonen aufgeteilt, Oberösterreich zwischen Sowjets nördlich und Amerikanern südlich der Donau in zwei Teile geschnitten. Vordringlichstes Ziel war, einen Staatsvertrag zur Erlangung der Souveränität zu erhalten.

Zeitleiste: Ereignisse und Zeitgeschehen

1945:
«Überarbeitung» des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes
1945:
Kapitulation der Wehrmacht und Gründung der II. Republik, erste Nationalratswahl
1950:
Oktoberstreiks

In den Jahren nach Kriegsende stand die Bewältigung seiner Folgen im Vordergrund der Tätigkeit der Jugendwohlfahrt. Als gesetzliche Grundlage wurde das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz dabei nur in den Teilen aufgehoben, in denen NS-Erziehungsziele und –Organisationen angesprochen wurde. Die übrigen Bestimmungen blieben in Kraft, die meisten Mitarbeiter/-innen im Amt, bzw. wurden sie nach kurzer Zeit wiedereingestellt.

«...kann nunmehr die öffentliche Jugendwohlfahrt alle Aufgaben einer planmäßigen und umfassenden Jugendpflege übernehmen»


Historie

6 Tage vor Kriegsende

Die Kriegsereignisse bedingen Vorsorgen, die es ermöglichen, die bisherigen Wohlfahrtseinrichtungen der NSV tunlichst lange zu erhalten. Dies scheint durch die Überleitung dieser Wohlfahrtseinrichtungen unter den Dachverband einer Gebietskörperschaft am sichersten gewährleistet zu sein.

In personeller Hinsicht ist bei der Übernahme so vorzugehen, dass in den Heimen und Tagesstätten sowie als Leiter der übrigen Wohlfahrtsabteilungen politisch nicht belastete Partei- oder Volksgenossen eingeteilt werden. Keinesfalls sollen politische Leiter oder Anwärter nach Aufhören der Arbeit in den Kreisämtern in einem Heim oder in einer Tagesstätte weiter amtieren oder eingesetzt werden. Die Kreisamtsleiter setzen {...} ihre Tätigkeit insolange fort, bis sie durch die Feindeinwirkung daran gehindert werden.
NS-Regierungspräsident Dr. Palten an NSV Gauamtsleiter Wolfsgruber, 2. Mai 1945

44 Tage nach Kriegsende

Kinderbetreuung in Kriegsruinen, Linz, 1945 Kinderbetreuung in Kriegsruinen, Linz, 1945

Nach Ausschaltung der NSV und HJ kann nunmehr die öffentliche Jugendwohlfahrt alle Aufgaben einer planmäßigen und umfassenden Jugendpflege übernehmen. Es wird erwartet, daß die Fürsorgerinnen mit neuem Eifer ans Werk gehen und daß die Arbeit der Jugendämter unverzüglich wieder anläuft. Die gesetzlichen Bestimmungen sowie die entsprechenden Anweisungen und Richtlinien sind mit Ausnahme jener Stellen, die politischen Charakter tragen, bzw. Rassenunterschiede begründen, noch in Kraft. Bezüglich der ehesten Wiedereinsetzung der Vormundschaftsgerichte wurde bereits ein Ansuchen an die Militärregierung gerichtet. Bei der Übernahme der NSV-Heime durch die Fürsorgeverbände sind die Jugendämter hinsichtlich der Einweisung sowie der Pflege und Erziehung zu beteiligen.
Oö. Regierungsdirektor Dr. Lippe an die Bezirkshauptmannschaften Oberösterreichs, 22. Juni 1945

3 Jahre nach Kriegsende

Es fehlt heute in erster Linie an der Erziehungskraft der Familie, am guten Beispiel der Eltern [...] In Folge der Not treffen wir Kinder und Jugendliche als Besucher der Schwarzen Märkte und als Geschäftemacher bei sonstigen Gelegenheiten, wir haben es mit arbeitsscheuer, fauler, sexuell verdorbener und der Prostitution verfallener Jugend zu tun, wir sehen die Jugend vor Vergnügungslokalen herumlungern, die Schule schwänzen und Diebstähle begehen, ja Banden bilden, die frech, roh und zu Gewaltstreichen geneigt sind [...]
Leiter der Fürsorgeabteilung des Landes OÖ, Dr. Zehetner in einem Radio-Interview, 1948

4 Jahre nach Kriegsende

[...] der Leiter und die Erzieher dieses Heimes die ihnen anvertrauten Kinder mit KZ-Methoden behandeln. Die Kinder werden angeblich wegen jeder Kleinigkeit geschlagen, als einziges Erziehungsmittel herrscht die Strafe. Wer am Gang redet, muß zum Beispiel stundenlang auf dem kalten Gang stehen, wer beim Essen redet bekommt nichts zu essen. [...] Das Essen ist minderwertig und unzureichend. Es kommt sehr bald auf den Tisch, die Kinder haben vorher ein langes Tischgebet zu sprechen und wenn sie nach einem Gebrüllten «Gut Hunger», endlich zum Essen kommen, ist dieses meist erkaltet. Fällt das Geringste vor, stehen die Kinder neben dem Essen und dürfen nichts anrühren. Sie werden von den Erziehern verhöhnt, wenn sie über Hunger klagen, indem man ihnen sagt: «Wir [...] haben schon gut gegessen! Mir macht es nichts aus, wenn ihr [...] noch eine halbe Stunde steht»! Die Kinder bekämen zu wenig zu essen und müssten doch hart arbeiten. Die Briefe werden streng zensuriert. Alle Monate ist auf Befehl ein Brief zu schreiben, der im Konzept vorgelegt werden muss. Alles was der Heimleitung nicht gefällt, wird gestrichen [...] Über Hunger und schlechte Verpflegung, sowie schlechte Behandlung darf nicht geschrieben werden. Schon sechsjährige Kinder, die im Kriege ihre Eltern verloren haben, werden misshandelt.
Protokoll eines Vaters aus Bad Ischl, der seinen Sohn im Erziehungsheim Gleink besuchte und ihn ohne Erlaubnis der Fürsorge mit nach Hause genommen hatte, 20. Oktober 1949

In dieser Niederschrift ist auch festgehalten, dass der Junge auf dem Jugendamt zum Ausdruck gebracht habe, dass er lieber zugrunde gehe und aus dem fahrenden Zug springen werde als nochmals in das Heim zurückzukehren. Dort habe er mit einer harten Strafe zu rechnen. Man würde ihm die Haare schneiden und drei Tage [bekäme er] Dunkelkammer und nichts zu essen.

5 Jahre nach Kriegsende

1 Nachthemd, [Unterwäsche: 2 Hemden,3 Hosen], 2 P. Strümpfe, 3 Blusen, 1 Rock, 1 Tricotleibchen, 1 Pullover, 1 P. Halbschuhe, 1 Haube, 1 P. Fäustlinge und 1 Mantel.
BH Gmunden auf die Frage, welche Bekleidung für ein zwölfjähriges Heimkind als ausreichend angesehen wird, 1950