Erstarrung und Aufbruch

1954 bis 1989

Erstarrung und Aufbruch


Epoche im Überblick

1955 erhielt die Republik Österreich durch den Staatsvertrag ihre staatliche Souveränität zurück und erklärte sich «immerwährend neutral». Das Ende der ersten Ära der Großen Koalitionen wurde mit der ÖVP-Alleinregierung Klaus 1966 beendet, um 1970/71 in die lange SPÖ-Alleinregierung von Bruno Kreisky überzugehen. Nach dem Rückzug des «Alten» und der Übernahme der FPÖ durch Jörg Haider, begann eine zweite Ära großer Koalitionen.

Zeitleiste: Ereignisse und Zeitgeschehen

1954:
Jugendwohlfahrtsgesetz 1954
1970:
Gleichstellung unehelich geborener Kinder
1973:
Herabsetzung der Volljährigkeit auf 19 Jahre
1975:
Gleichstellung von Mann und Frau in der Ehe
1976:
Unterhaltsvorschussgesetz
1977:
Neuordnung des Kinderschaftsrechts
1955:
Staatsvertrag
1978:
Volksabstimmung AKW Zwentendorf
1989:
Fall des eisernen Vorhangs

Die Ära Kreisky in den 1970er Jahren stand für viele für eine Phase des Aufbruchs, der Modernisierung, der Weltoffenheit und eines ausgebauten Sozialstaat. Auch in der Jugendwohlfahrt brachten die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und die Familienrechtsreform viele Verbesserungen. Das Jugendschutzgesetz, das 1954 das NS-Gesetz endgültig abgelöst, aber auch vielfach fortgeschrieben hatte, blieb jedoch bis 1989 bestehen.

«Wennst ned brav bist, kommst ins Heim!»


Historie

1954: Ein neues Jugendwohlfahrtsgesetz kommt

Führungsbericht eines Pflegekindes, Wels, 1957 Führungsbericht eines Pflegekindes, Wels, 1957

Das Gesetz legte fest, minderjährigen Staatsbürgern öffentliche Jugendwohlfahrtspflege zu gewähren. Diese umfasste die zur körperlichen, geistigen, seelischen und sittlichen Entwicklung der Minderjährigen notwendige Fürsorge. In die Erziehung der Eltern durfte nur durch Anordnung des Jugendamtes eingegriffen werden.

Endlich wurden die bereits seit dem Ersten Weltkrieg bestehenden Mutterberatungsstellen gesetzlich verankert. Für Findelkinder und unehelich geborene Kinder galt weiterhin die gesetzliche Amtsvormundschaft. Die Aufnahme von Pflegekindern war weiterhin von einer Bewilligung abhängig und wurde von Fürsorgerinnen beaufsichtigt.

Aber der alte Geist besteht weiter

Die NS-Rhetorik war aus den gesetzlichen Grundlagen zwar verbannt, viele Mitarbeiter/-innen aus dieser Zeit jedoch nicht. Ihre Methoden blieben mit ihnen, genau wie der Ausgangspunkt für Eingriffe in das Familiensystem: Drohende oder eingetretene «Verwahrlosung».

Die Maßnahmen der Jugendwohlfahrt waren darauf ausgerichtet, den Kindern und Jugendlichen die Folgen von «Fehlverhalten» mit einer strengen Erziehung «auszutreiben». Ursachen wie elterliches Versagen spielten dabei eine untergeordnete Rolle.

SCHWARZE PÄDAGOGIK Heime als «totale Institutionen»

Mittagsschlaf in Schlafsaal des Landeskinderheims Leonstein, späte 1950er Jahre Mittagsschlaf in Schlafsaal des Landeskinderheims Leonstein, späte 1950er Jahre
  • Psychischer Druck
  • Mangel an Zuwendung
  • Demütigende Erziehungsmittel
  • Verlust jeglicher Privatsphäre
  • Keine Selbstbestimmheit
  • Streng reglementierter Tagesablauf
  • Tägliche Kastenkontrollen
  • Körperliche Züchtigung
  • Freiheitsentzug

«Zuchtmittel: Einzelaufenthalt in einer versperrten Stube und körperliche Züchtigung, sofern sie im Moment als einzig wirksames und zur Aufrechterhaltung der Disziplin notwendiges Mittel erkannt wird, in dem Maße, wie es das elterliche Züchtigungsrecht vorsieht.»
Entwurf einer Heimordnung für Fürsorgeheime vom Leiter des Landesjugendamtes, 1954

1970: Die Jugend revoltiert

Sozialpädagogisches Jugendwohnheim Linz-Wegscheid Sozialpädagogisches Jugendwohnheim Linz-Wegscheid

Ausgehend von den USA revoltierten auch in Westeuropa in den 1960er und 1970er Jahren die Kinder der Kriegsgeneration gegen überkommene Gesellschaftsmodelle. Grundlegende Normen wurden radikal in Frage gestellt und Gegenmodelle zur traditionellen Familie und deren Erziehungsidealen entwickelt.

Dabei wurde von der 68er-Bewegung auch die Erziehung in den Heimen aufs Korn genommen. Anfang der 1970er Jahre protestierte die «Gruppe Spartakus» gegen die Zustände. Durch eine «Massenflucht» in Linz-Wegscheid wurde die Situation erstmals einer breiten Öffentlichkeit in OÖ bekannt und ein reformatorischer Diskurs angestoßen.

Und Kreisky reformiert Österreich

Besonders beim Familienrecht erzielte die Alleinregierung der SPÖ in den 1970er Jahren viele Fortschritte. 1970 erfolgte eine weitgehende Gleichstellung unehelich geborener Kinder mit ehelich geborenen. Die gesetzliche Amtsvormundschaft blieb aufrecht, aber die Mütter konnten die Vormundschaft für ihr Kind beantragen.

1975 wurden Frauen und Männer in der Ehe gleichgestellt, dennoch galt das Prinzip der «väterlichen Gewalt» über die Kinder weiter. 1976 wurde ein Meilenstein für Alleinerzieher/-innen geschaffen, indem der Staat die Unterhaltsleistungen säumiger oder zahlungsunwilliger Elternteile bevorschusst.