Fortschritte und Rückschläge

1919 bis 1938

Fortschritte und Rückschläge


Epoche im Überblick

Das kleine Land, das der Erste Weltkrieg übrig gelassen hatte, erschien den meisten Zeitgenossen als wirtschaftlich nicht lebensfähig - so ganz ohne die Kornkammer Ungarn und die böhmische Industrie. Inflation und Wirtschaftskrise sowie die Gegensätze zwischen Christlich-Sozialen und Sozialdemokratie führten in die Abgründe des Bürgerkriegs und des Faschismus. Den Endpunkt setzte ein oberösterreichischer «Heimkehrer»: Adolf Hitler.

Zeitleiste: Ereignisse und Zeitgeschehen

1919:
  • Gesetz zum Schutz von Zieh- und unehelichen Kindern
  • Gründung des Landesjugendamtes
1926:
Einrichtung des Säuglingsheims und der Fürsorgerinnenschule Riesenhof
1928:
Jugendgerichtsgesetz
1918:
Ausrufung der demokratischen Republik
1927:
Brand des Justizpalastes
1929:
Beginn der Weltwirtschaftskrise
1934:
Bürgerkrieg und Errichtung des austrofaschistischen Ständestaats
1938:
Einmarsch Hitlers

Das 1919 gegründete Landesjugendamt baute nun erstmals landesweit Strukturen für die Jugendfürsorge auf und schuf mit dem Riesenhof in Linz ein Ausbildungszentrum für Fürsorgerinnen. Die Streitigkeiten zwischen den politischen Lagern sowie Bund und Ländern verhinderten derweil nach wie vor die Verabschiedung eines Jugendfürsorgegesetzes. Geldmangel und Rückständigkeit taten ihr Übriges, nur kleine Schritte voranzukommen.

«Mit grossem Bedauern muss konstatiert werden, dass die Arbeiten des Jugendamtes nicht genügend gewürdigt werden»


Historie

Angestellte des Landesjugendamtes, 1925 Angestellte des Landesjugendamtes, 1925

Gründung des Landesjugendamtes

Am 14. Juli 1919 beschloss der provisorische Landesrat, der dem Landtag entsprach, die Einrichtung eines Landes-Jugendamtes. Der Wirkungskreis mit nach und nach eingerichteten Bezirksstellen betraf Oberösterreich mit Ausnahme der beiden Statutarstädte Linz und Steyr.

Seine Aufgaben waren:

  • Mutter- und Säuglingsfürsorge
  • Verteilung von Nahrungsmitteln und Kleidung für die bedürftige Jugend
  • Organisation von Berufsvormündern
  • Einrichtung von Ziehkinderaufsichtsstellen
  • Jugendgerichtshilfe
  • Organisation von Erholungsaufenthalten
  • Einrichtung von Berufsberatungsstellen
  • Suche nach Pflegeeltern
  • Vorträge über die richtige Kleinkinderversorgung

Leider kann das Landesjugendamt nicht all das als geschehen berichten, was für dieses Jahr [1921] geplant war; der stete Geldmangel legte dem Jugendamt grösste Sparsamkeit auf und machte ihm eine grössere Ausdehnung undurchführbar. Mit grossem Bedauern muss konstatiert werden, dass die Arbeiten des Jugendamtes nicht genügend gewürdigt werden, trotzdem es sein Endziel darin sieht, Menschenleben dem Staate und der Gesellschaft zu retten.
Bericht des Landesjugendamtes in einer Sitzung des Jugendbeirates am 10. Jänner 1922

Kinderheim Riesenhof, Linz, 1926 Kinderheim Riesenhof, Linz, 1926

Das Bedürfnis eines Säuglingsheimes macht sich von Tag zu Tag mehr fühlbar und ist zur dringenden Notwendigkeit geworden.
Aus dem Tätigkeitsbericht des Landesjugendamtes, 1921

Mit dem Kauf des Riesenhofs in Linz im Jahr 1926 wurden zwei Probleme gelöst. Einmal konnte das fehlende Säuglingsheim, zum anderen eine Ausbildungsstätte für Fürsorgerinnen eingerichtet werden.

Der harte Arbeitsalltag einer Fürsorgerin

Straßenkinder an der Antiesenbrücke, Ort im Innkreis, 1930 Straßenkinder an der Antiesenbrücke, Ort im Innkreis, 1930

Sehr viel bin ich in diesen ersten Jahren in dem ausgedehnten Bezirk mit seinen acht Gemeinden, die in mehr als hundert Ortschaften aufgespaltet waren. Dabei habe ich die Leute – und die Leute mich – gut kennengelernt. Dennoch bin ich nicht immer willkommen und die Pflegeaufsicht oft schwierig gewesen. Es gab viele neun- bis vierzehnjährige Kinder, die als kleine Dienstboten in fremden Bauernhäusern arbeiteten. In der Schule war der verkürzte Unterricht üblich. Die zwölf- bis vierzehnjährigen Kinder mussten nur donnerstags zur Schule und waren darum begehrte Arbeitskräfte. [...]

Mit immer neuer Arbeit belieferte mich die Schule Unterweißenbach. Kinder wurden mir vorgestellt, die durch besonders schlechte Kleidung auffielen, Hautausschläge oder vernachlässigte Wunden an sich trugen oder stark verlaust waren. Am ärgsten mit Kopfläusen behaftet waren gewöhnlich die in fremden Häusern untergebrachten Mädchen, um deren Körperpflege sich oft niemand kümmerte, die schon vor dem morgendlichen Schulgang arbeiten mußten [...] Diese armen Wesen hatten oftmals ganz verfilztes Haar, Lausekzeme auf der Kopfhaut und bis in den Rücken hinunter und geschwollene Halsdrüsen.
Bericht von Hermine Jakobartl, Fürsorgerin in Unterweißenbach, 1930er Jahre

Portraits eines Jugendlichen aus Gerichtsakten, 1920er Jahre Portraits eines Jugendlichen aus Gerichtsakten, 1920er Jahre

Und die nicht minder harten Bedingungen in den Erziehungsanstalten

Der Auslöser für die Einweisung in eine Erziehungsanstalt war fast immer «Delinquenz» oder «Arbeitsscheu». Mit dieser Begründung mussten auch schon Kinder unter 14 Jahren in eine solche Anstalt. Anna M., geb. 1911, war ein uneheliches Kind. Sie war 5 Jahre alt, als ihre Mutter verstarb. Mit 10 Jahren wurde sie in die «Erziehungsanstalt zum Guten Hirten» in Linz eingewiesen.

Die Erziehungsanstalt berichtet:

...dass das Mädchen äusserst ungut veranlagt, geistig minderwertig, arbeitsscheu, schlampig und eine Bettnässerin ist und Anlage zur Bosheit hat, aus welchem Grund natürlich eine Abgabe des Mädchens in eine Privatpflege nicht empfehlenswert erscheint, übrigens sich bei derartigen Eigenschaften sich kaum jemand finden dürfte, der das Mädchen nimmt.

Einiges änderte sich

1919: Gesetz zum Schutz von Ziehkindern und unehelichen Kindern

Die Aufnahme eines Pflegekindes unter 14 Jahren war von einer behördlichen Bewilligung abhängig zu machen. Pflege und Erziehung von Kindern bis 14 Jahren waren regelmäßig von Fürsorgerinnen zu überprüfen.

1928: Jugendgerichtsgesetz

Das Gericht konnte bei strafbaren Handlungen von Minderjährigen zwischen Erziehungsaufsicht und der Anordnung von Fürsorgeerziehung wählen. Das Gesetz ermöglichte damit eigene Erziehungsanstalten für jugendliche Rechtsbrecher.

Anderes nicht

Ein Fürsorgeerziehungsgesetz sei laut Fachkommission für Jugendwohlfahrt im Oktober 1921 dringend erforderlich. Den Ländern erschiene aber jede weitere Diskussion unmöglich, bevor nicht die Bundesregierung eine befriedigende Antwort über die Beitragsleistung des Bundes abgibt.

Ein eigenes Jugendfürsorgegesetz kam bis zum Anschluss an das Deutsche Reich nicht zustande.