Und morgen?

«Das zentrale Anliegen der Kinder- und Jugendhilfe muss immer das Wohl unserer Kinder sein»

Ein Gespräch zur Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe

Die leitende Sozialarbeiterin der Abteilung Kinder- und Jugendhilfe OÖ Cornelia Leibetseder führte ein Interview mit der «Hundertjährigen Dame KJH»


Cornelia Leibetseder: Liebe KJH, für dieses Buch wurde sehr sorgfältig zur nunmehr 100-jährigen Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe in OÖ recherchiert. Einige Zeitzeugen ergänzen die geschichtliche Aufarbeitung mit ihren persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen. Die Leser bewegen dabei viele Emotionen wie Erstaunen, Entsetzen, Bewunderung. Wenn Sie nun auf das vorliegende Werk blicken, was bewegt Sie?

KJH: Ach wissen Sie, ich bin jetzt 100 Jahre alt und blicke stolz auf die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zurück und könnte von so vielen beeindruckenden Einzelerfahrungen berichten. Was mich aber besonders berührt: Wie viele Menschen in der KJH ihre Kraft den Kindern und ihren Familien zur Verfügung stellen und damit diesen Kindern Hoffnung und Zuversicht mitgeben. Ganz egal, wie sich die jeweilige Lebenssituation dieser jungen Menschen zeigt, geht es aus meiner Sicht doch vorrangig darum, Hoffnung zu geben und mit ihnen Perspektiven zu schaffen.

Cornelia Leibetseder: Sie sprechen hier etwas Wichtiges an. Menschen brauchen Hoffnung und den Glauben daran, dass sich schwierige und belastende Situationen auch wieder verändern können. Oft geschieht dies aus eigener Kraft oder mit Hilfe der eigenen Familie. Was halten Sie aus Ihrer langjährigen Erfahrung heraus für wesentlich, um Hoffnung bei Kindern, Jugendlichen und deren Familien zu entwickeln und weshalb ist das so wichtig?

KJH: Die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe müssen selbst Hoffnung haben und überzeugt davon sein, dass sich eine Situation für ein Kind verändern kann. Sie müssen diese Zuversicht auch entsprechend vermitteln zu können. Sie brauchen methodisches Wissen, unter welchen Umständen Menschen Zukunftsperspektiven entwickeln können. Sie brauchen ein hohes Maß an Toleranz für menschliches Verhalten und Sicherheit im eigenen Handeln. Hoffnung ist also eine der wichtigsten «Brücken» Menschen zu aktivieren, belastende Situationen zu überwinden und ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Betreuer und Jugendliche Betreuer und Jugendliche

Cornelia Leibetseder: Was kann passieren, wenn Familien ohne ausreichende Zuversicht und dem Glauben an eine tatsächliche Veränderung mit der Kinder- und Jugendhilfe «zusammenarbeiten müssen»?

KJH: Wissen Sie, meiner Erfahrung nach handeln Menschen doch aus einem guten Grund so wie sie es tun. Sie agieren aus ihrer Lebenswelt heraus und werden durch ihre Lebenserfahrungen bestimmt. Da können auch unangenehme Gefühle wie Angst, Wut, Enttäuschung oder Sorge dabei sein. Wir repräsentieren schließlich eine sehr mächtige Organisation, die im Extremfall in das innerste familiäre Zusammenleben eingreifen kann bzw. zum Schutz eines Kindes auch eingreifen muss. Es muss uns immer bewusst sein, welche Verantwortung wir dadurch übernehmen und wie behutsam wir damit umgehen müssen!

Es ist daher sehr nachvollziehbar, dass manche Familien zurückhaltend sind oder sich sogar weigern, mit der Kinder- und Jugendhilfe zusammenzuarbeiten. Ich halte es sogar für sehr gescheit, sich zu schützen, solange man eine Situation oder eine Person und deren Absicht nicht ausreichend einschätzen kann. Oft fühlen sie sich dann ausgeliefert und ohnmächtig. Es liegt an uns, dieses Verhalten zu respektieren und die Gründe zu erforschen, warum Familien «in Widerstand gehen».

Cornelia Leibetseder: Bleiben wir noch ein wenig bei den Familien. Was brauchen Familien, damit sie mit der Kinder- und Jugendhilfe kooperieren können?

KJH: Zuallererst ist es wichtig, dass wir als Fachexperten akzeptieren, dass die Verantwortung für ein gutes Arbeitsbündnis bei uns selbst liegt. Gemeint ist damit die unbedingte Anerkennung, dass Menschen einen guten Grund haben, so zu handeln, wie sie es tun. Dass sie direkt aus ihrem höchstpersönlichen Interesse heraus handeln. Das ist in den allermeisten Fällen die Sorge um ihr Kind und der Wunsch nach einem gelingenden familiären Zusammenleben.

Wir handeln immer aus einem professionellen Verständnis heraus und können dadurch Beratungs- und Hilfeprozesse entsprechend steuern und die beteiligten Personen darin sicher anleiten.

Cornelia Leibetseder: Das klingt jetzt aber sehr theoretisch ...

KJH: Wir müssen zum Beispiel darauf achten, dass wir in der Sprache der Familien reden und Fachjargon vermeiden, denn das schafft Distanz statt Nähe. Menschen wollen mit ihren Anliegen, Themen und Vorstellungen ernst genommen werden. Wir müssen uns angewöhnen, Familien so zu informieren, dass sie sich wirklich auskennen. Sie müssen wissen, was notwendig ist, damit sich die KJH wieder zurückziehen kann. Alle Schritte müssen nachvollziehbar und zeitlich begrenzt sein. Anders gesagt: Die Leute müssen wissen, was sie tun sollen, damit sie als Eltern «gut genug» für ihre Kinder sorgen! Und sie müssen wissen, welche Folgen zu erwarten sind, wenn das aus irgendeinem Grund nicht gelingt.

Mein Geheimtipp: Lachen und gemeinsame Freude entspannt, schafft Nähe und ermöglicht gemeinsames Zukunftsdenken! Erfolge müssen sichtbar gemacht und gefeiert werden. Dabei ist es wichtig, in kleinen Schritten zu denken und zu handeln, damit auch Lob und Anerkennung für bereits Erreichtes Platz hat. Ich bin überzeugt davon, dass das eine mächtige Wirkung erzielt.

Pro Juventute Kinder- und Jugendwohngruppe ErLe Pro Juventute Kinder- und Jugendwohngruppe ErLe

Cornelia Leibetseder: Die Sozialarbeiter schaffen das aber nicht alleine. Viele Leistungen werden zugekauft ...

KJH: Auch hier ist Vertrauen, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit wichtig. Es muss klar und konkret benannt sein, welche Veränderungen in der Familie für die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe beobachtbar sein müssen, damit sie sicher sein können, dass ein Kind ausreichend geschützt und gefördert wird. Und für alle Beteiligten muss von Anfang an klar sein, wer wofür zuständig ist. Lücken in der Kooperation sind ein bedeutsamer Risikofaktor im Kinderschutz. Dessen müssen wir uns stets bewusst sein. Es genügt nicht, wenn alle Fachkräfte für sich hervorragende Arbeit leisten.

Ob Fachkräfte bei der Behörde oder bei privaten Einrichtungen der KJH arbeiten: Die Verantwortung ist immer eine gemeinsame. Das funktioniert aber nur in einer Kooperation auf Augenhöhe und einem respektvollen Miteinander. Die betroffenen Familien müssen sich darauf verlassen können, damit im Hilfeprozess eine größtmögliche Wirkung erzielt werden kann.

Cornelia Leibetseder: Hat sich die Kinder- und Jugendhilfe da in den letzten Jahren weiterentwickelt?

KJH: Seit Beginn der 1990er-Jahre hat sich die Kinder- und Jugendhilfe grundlegend verändert. Das Jugendwohlfahrtsgesetz 1989 hat ganz neue Schwerpunkte gesetzt. Hilfe und Unterstützung für Eltern in der Erziehung ist seither zentrales Anliegen der Sozialarbeit. Herzstück der Kinder- und Jugendhilfe OÖ ist ganz sicher das gemeinsame Bemühen aller Einrichtungen und Behörden, den Familien jene Hilfen zu geben, die sie tatsächlich brauchen. Beteiligung und Transparenz sind dabei die Grundlage einer gelingenden Arbeit.

Cornelia Leibetseder: Wenn Sie an die Kinder und Jugendhilfe OÖ in – sagen wir – 10 Jahren denken: Wie würden Sie im besten Fall die Situation beschreiben?

KJH: Ich stelle mir eine Kinder- und Jugendhilfe vor, von der die Familien sagen: Es ist echt beeindruckend, was wir mit Hilfe der Kinder- und Jugendhilfe geschafft haben! Da kann ich mich jederzeit mit Anliegen und Fragen vertrauensvoll hinwenden, weil ich einschätzen kann, was dort passiert. Das sind Profis, die eine Idee zu meiner Situation haben und gemeinsam mit mir und meiner Familie die weiteren Schritte überlegen.

Eine logische Konsequenz in der Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe wäre es für mich, wenn sie noch mehr zu den Familien nach Hause kommt. Damit meine ich, dass Beratung, Hilfe und Betreuung dort stattfindet, wo der Bedarf entsteht, nämlich bei den Familien zuhause bzw. in deren Lebenswelt, wo eben das tatsächliche Leben stattfindet.

Ich würde mir wünschen, dass die Kinder- und Jugendhilfe weniger in «Einzelfällen denkt» weil sie bei ähnlich gelagerten Problemen noch viel mehr strukturelle und präventive Angebote zur Verfügung hat und Familien sich dadurch gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können. Dadurch kann auch ein tragfähiges soziales Netzwerk entstehen, das Familien in schwierigen Lebenssituationen auffängt und wieder stärkt

Ich kann mir auch verstärkt Soziale Arbeit mit schon bestehenden sozialen Netzwerken der von uns betreuten Familien vorstellen und wir sollten uns Gedanken über eine sozialräumliche Entwicklung machen. Es geht dabei darum, Menschen zu finden, die in einer Familie Aufgaben für Kinder und Jugendliche übernehmen und Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung unterstützen und entlasten können. Ein erster Schritt dazu ist die Überzeugung und Sicherheit von Fachkräften, dass auch «Nichtprofis» verlässliche Hilfe in einer Familie leisten können.

Cornelia Leibetseder: Aus Ihrer 100-jähren Erfahrung heraus: Was soll die Kinder- und Jugendhilfe erreichen?

KJH: Der Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe besteht eigentlich schon seit 100 Jahren. Kinder sollen in unserem Land gut aufwachsen und zu selbstbestimmten Erwachsenen heranreifen können! Das zentrale Anliegen der Kinder- und Jugendhilfe muss immer das Wohl unserer Kinder sein. Die SozialarbeiterInnen sollen die Familien bei dieser Aufgabe bestmöglich unterstützen aber nur soweit eingreifen, als es zur Sicherung dieses Kindeswohles notwendig ist.